FotografIn vs. AutomechanikerIn

Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, aber ich dachte immer, der Grund, weshalb man zu einem professionellen Fotografen geht, ist die Qualität der Bilder.

Wenn ich mir einen Profi hole, dann erwarte ich, dass er sein Handwerk versteht, dass er mein "Problem" löst und muss damit rechnen, dass die Arbeit / Dienstleistung auch etwas kostet.

Wenn mein Auto defekt ist, bringe ich es in die Werkstatt. Weshalb mache ich das? Weil ich kein Automechaniker bin und nicht viel von der Funktionsweise eines Autos verstehe. Ich möchte jedoch, dass mein Wagen wieder einwandfrei läuft und dass die Reparatur professionell und anhaltend durchgeführt wird.

Der ausgebildete und erfahrene Automechaniker repariert meinen Wagen zu meiner Zufriedenheit und ich bezahle die gestellte Rechnung. Diese beinhaltet, seine Arbeit, sein Knowhow und das benötigte Material, sowie die Dienstleistung im Allgemeinen.

Bei einem Fotografen ist das nicht anders!

Du gehst zu einem Fotografen, weil du selber nicht viel von der Funktionsweise einer Kamera verstehst. Weil du kein professionelles Kameraequipment besitzt, weil deine Bilder dem Vergleich, mit denen eines Berufsfotografen, nicht stand halten. Du erwartest, dass der Fotograf das gewünschte Motiv perfekt in Szene setzt, dass deine Wünsche und Vorstellungen verwirklicht werden und dass du schlussendlich die Bilder in der Hand halten kannst, welche du dir erträumt hast. Dafür bezahlst du die Arbeit, das Knowhow, sowie die Dienstleistung.

Siehst du? Nichts Anderes...

Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass die Arbeit eines Fotografen in Frage gestellt, wenn nicht sogar massiv unterschätzt wird. Ich möchte aus diesem Grund, basierend auf meiner Arbeit als Tierfotografin, einmal kurz aufzeigen, was die Arbeit eines Fotografen von der Anfrage bis zur Bildübergabe beinhaltet:

 

Als erstes werden einige Informationen über den Besitzer und seine Fellnase benötigt. Es ist wichtig zu wissen, was genau der Besitzer sich wünscht. Wie sehen seine Vorstellungen der fertigen Bilder aus? Was hat das Tier für einen Charakter, was sind seine Besonderheiten? Entsprechend den Vorbesprechungen muss dann eine geeignete Location gefunden werden. Die Lichtverhältnisse für die gewünschten Bilder müssen beachtet werden. Das Tier soll in die Location passen. Wenn sich ein Kunde, Bilder seines Chihuahuas in einer blühenden Wiese wünscht, nützt mir das Feld des Bauern kurz vor dem Schnitt nichts. Dann muss ein Ort mit bodennahen Blumen gesucht werden. Wieder anders ist es, wenn der Kunde sagt, dass er die Bilder an einem bestimmten Ort machen möchte. Dann muss man, wenn möglich einmal an diesen Ort fahren, sich ein Bild machen und dem Kunden mitteilen, was möglich ist und was nicht. Improvisation (Knowhow und Erfahrung) ist gefragt, wenn die Örtlichkeit nicht vorher besichtigt werden kann.

Am Shootingtag wird Zeit und Einfühlungsvermögen benötigt. Sowohl für den Kunden, als auch für die Fellnase. Ein Fotoshooting ist für den Hund, trotz lockerer und entspannter Atmosphäre, eine grosse Herausforderung.  Man kann Szenerien nicht endlos wiederholen. Mann kann nichts vom Hund verlangen, was er nicht kann. Wenn die Fellnase nicht gelernt hat, an einem Ort sitzen oder stehen zu bleiben, kann er dies auch am Shootingtag nicht. Der Fotograf muss merken, wann eine Pause gemacht werden muss, wenn der Hund auf etwas nicht "normal" reagiert oder wann es auch einfach genug ist.

Daneben müssen die fachlichen Fähigkeiten aus dem ff sitzen. Der Fotograf muss Tiefenschärfe, Belichtungszeit, Bildausschnitt, Licht, etc. optimal kombinieren, damit das Resultat "out of cam" vorgezeigt und bewertet werden kann. Diese Dinge müssen je nach dem bei jeder Bewegung des Fotografen / des Models wieder neu beachtet werden. Jetzt kommt bestimmt der Satz: Kein Problem, das Bild wird ja eh noch bearbeitet. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass Bildbearbeitung zwar nötig ist, einem Bild den letzten Schliff verleiht, sowie den persönlichen Bildstil des Fotografen hervorhebt, jedoch ersetzt sie NIE das manuelle, fachtechnische Können eines Fotografen. Wenn ein Bild unscharf ist, kann ich es nicht scharf machen. Wenn der Fokus am falschen Ort liegt, kann ich das nicht mehr ändern. Wenn überbelichtet wurde, gibt es an dieser Stelle im Bild keine Informationen, welche bearbeitet werden könnten. Zu deutsch: Ein schlechtes Bild, bleibt ein schlechtes Bild, egal wie intensiv ich es bearbeite.

Nach dem Shooting müssen ca. 300 - 700 Bilder angeschaut und beurteilt werden. Jedes Einzelne wird bewertet. Wenn es nicht den Kriterien für ein gutes Bild entspricht, wird es gelöscht. Diejenigen, welche übrig bleiben, werden erneut angeschaut und noch einmal detaillierter bewertet. Am Schluss bleibt sozusagen die Crème dela Crème übrig. Diese Bilder (es sind je nach dem 25 - 100 Stück) werden dann minimal vorbearbeitet (in Richtung des Bildstiles des Fotografen) und in einem geeigneten Format und Bildgrösse exportiert, damit sie in die Online-Galerie hochgeladen werden können, wo der Kunde dann seine Lieblingsbilder aussuchen kann.

Bis dahin reden wir grob geschätzt von ca. 6 - 8 Stunden Arbeit, welche der Fotograf bereits geleistet hat.

 

Ich biete meine Dienstleistung in Form von Paketen an, in welchen eine gewisse Anzahl fertiger (also fertig bearbeitet und weboptimiert) Bilder inbegriffen ist. Diese Anzahl Bilder kann sich der Kunde dann aus seiner Online-Galerie aussuchen. Es werden dann die RAW-Dateien bearbeitet. Das heisst, es werden nicht die bereits vorbearbeiteten Bilder aus der Online Galerie verwendet, sondern das ursprüngliche Bild, direkt aus der Kamera. Dies, weil in diesen RAW-Dateien das Maximum an Informationen, welche die Kamera hergibt, enthalten sind, was für den Kunden ein Maximum an Bildqualität bedeutet.

Ich bearbeite die ausgesuchten Bilder also nochmals von vorne, beginnend bei Grundwerten wie Kontrast, Weissabgleich, Lichter, etc. bis hin zum fertigen Composing.

Ich benötige hierzu umfangreiches Wissen in den verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen und rechne pro Bild mit ca. 10 - 20 Minuten bis es fertiggestellt ist. Das Ganze jeweils in doppelter Ausführung (mit und ohne Wasserzeichen) und mit Zwischenspeicherung im sogenannten TIFF-Format, damit mir meine Schritte und Ebenen in der Bearbeitung erhalten bleiben. Bei 10 Bildern ist das wiederum ca. zwei Stunden Arbeit vor dem PC.

Wir sind jetzt also bei 8 - 10 Stunden Arbeitszeit, welche in ein einziges Shooting investiert werden. Davon sieht der Kunde 1 - 3 Stunden, nämlich die Dauer des effektiven Fotoshootings. Framework und Bildbearbeitung werde leider oftmals nicht bedacht, noch ist klar, was dies alles beinhaltet.

 

 

Dies ist nur ein Grobabriss der Arbeit eines Tierfotografen. Basierend auf ungefähr diesen Tatsachen, legen wir unsere Preise fest.

 

Wenn ich möchte, dass mein Automechaniker auch noch den Ölstand prüft und den Reifendruck misst, wird das separat verrechnet. Wenn der Kunde mehr Bilder haben möchte, als im Paket inbegriffen sind, wird das separat verrechnet.

 

Das Ergebnis des Garagenaufenthaltes meines Wagens, ist ein tadellos funktionierendes Auto, mit welchem ich mich wieder unbesorgt auf die Strasse wagen kann und mich sicher von A nach B bringt.

 

Das Ergebnis eines Fotoshootings bei einem Fotografen, sind qualitativ hochwertige Bilder nach den Wünschen und Ideen des Kunden, technisch hochstehend und erkennbar professionell.

 

Ich hoffe von Herzen, dass ich wenigstens ein Bisschen Licht ins Dunkel gebracht habe und dass dem einen oder anderen von Euch jetzt etwas klarer ist, weshalb professionelle Bilder beim Fotografen nicht gratis sind.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Rene (Donnerstag, 19 Juli 2018 08:11)

    Hallo
    Tatsache ist , dass die wenigsten ein gutes Foto beurteilen können.
    Meistens wird ein Foto nur auf dem Smartphone angeschaut und auch damit "geschossen".
    Das sind halt die "Nebenwirkungen" der heutigen Handygeneration. Ich habe übrigens kein Smartphone. Ich gehe wie du lieber Fotografieren als knipsen.
    Übrigens tolle Homepage hast du.
    LG